Die diesjährige Welterbe-Herbstexkursion führte im Rahmen einer Tagesfahrt nach Bad Kissingen in Unterfranken. Wie fast immer bei den Exkursionen unseres Vereins kamen wir in den Genuss einer äußerst kompetenten Führerin. Sie verschaffte uns einen hervorragenden Überblick über die Bedeutung dieser fränkischen Kleinstadt für die europäische Bäderkultur. 2021 nahm die UNESCO die „Great Spa Towns of Europe“ in die Welterbeliste auf – elf weltberühmte Kurstädte aus 7 Ländern, die das Phänomen der europäischen Kur auf besondere Art und Weise verkörpern. Bad Kissingen gehört neben Baden Baden und Bad Ems zu den deutschen Vertretern und weist von all diesen Orten das größte Kurviertel auf. Neben den drei böhmischen Nachbarorten Karlsbad, Franzensbad und Marienbad gehören u.a. Spa in Belgien, Vichy in Frankreich und Montecatini in Italien zu diesen Bädern.
Bad Kissingen liegt an der Fränkischen Saale und ist bereits seit dem 16. Jahrhundert als Kurstadt bekannt. Schon damals wurden den Kurgästen, die aus ganz Deutschland anreisten, Trink- und Badekuren angeboten. Seitdem hat sich Bad Kissingen kontinuierlich zu einem Great Spa weiterentwickelt und lockte auch internationale Gäste an, besonders aus England und Russland.
Bad Kissingens spezieller Beitrag zur Welterbebewerbung, deren Ausarbeitung 10 Jahre in Anspruch nahm, ruht auf drei Säulen:
- Das Kurgartenensemble: Der Münchner Architekt Max Littmann schuf mit der Wandelhalle und dem Regentenbau herausragende Beispiele für die Architektur des frühen 20. Jahrhunderts. Die Bauten des Kurgartenensembles sowie der Kurgarten selbst sind in Bausubstanz und Funktion auf besondere Art und Weise gut erhalten und beeindrucken noch heute ob ihrer klaren Sprache.
Hervorzuheben ist v.a. der große Konzertsaal. Da für ihn fast ausschließlich Holz als Baumaterial verwendet wurde, weist er eine einzigartige Akustik auf. Die Besucher konnten kaum glauben, dass es dem Architekten gelang, dieses Bauwerk innerhalb von zwei Jahren und zum veranschlagten Preis fertigzustellen. Heute undenkbar! Der 1738 angelegte Kurgarten war die erste derartige Anlage außerhalb einer Stadt.
- Die politische und internationale Bedeutung durch Bismarck: Der spätere Reichskanzler hielt sich, verteilt über 15 Jahre, insgesamt 60 Wochen in der Kurstadt auf und erledigte von dort aus auch seine Amtsgeschäfte.
- Bad Kissingen vertritt mit historischen Einrichtungen zur Siedsolegewinnung und -nutzung als einziger Teil der Welterbestätte einen im 19. Jahrhundert äußerst wichtigen Aspekt des Kurwesens: die Solenutzung als Heilmittel. Die Teilnehmer gewannen zum Abschluss ihres Besuches auch diesen intensiven sensorischen Eindruck, insbesondere der Rakoczy-Quelle.
Im früheren Luitpoldbad residiert seit 70 Jahren die private Spielbank. Makaber, dass davor ein Denkmal für Prinzregent Luitpold steht, einem großen Förderer des Kurortes, der zu seiner Zeit das Glücksspiel verbieten ließ.
Des weiteren pflegt die Bäderstadt immaterielle Werte der Great Spas, wie die Tradition des „Heilwasserausschanks durch die Brunnenfrauen“ sowie regelmäßige Kurkonzerte der Staatsbad Philharmonie Kissingen. Eines dieser Konzerte bildete dann auch den akustischen Abschluss und Höhepunkt dieses Besuches.
Schade, dass kurzfristig noch 6 Interessierte absagen mussten – dieser eindrucksvolle Tag bei bestem Wetter trotz Regenprognose mit dem Eintauchen in eines der Kleinodien der europäischen Bäderkultur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hätte eine größere Resonanz in unserem Club verdient gehabt.